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Küssen verboten? Wenn aus Kollegen mehr wird

Geoffroy de Lestrange

Southern Europe Marketing Manager, Cornerstone

Schmetterlinge im Bauch oder das Gift der Eifersucht? Wenn Amor auf dem Arbeitsplatz den Bogen spannt, ist das immer eine knifflige Angelegenheit. Für das glückliche Paar ein Segen, kann es zum Ärgernis für den Rest des Teams werden. Wie können Personaler hier vorgehen?

Liebe auf der Arbeit führt gar nicht so eine Nischenexistenz, wie man denken würde. Laut einer Studie von Xing haben drei von fünf Arbeitnehmern – also rund 60 Prozent aller Werktätigen in Deutschland – zumindest schon mal am Arbeitsplatz geflirtet. Jeder Vierte war schon mal verliebt und immerhin jeder Sechste gab an, auf der Arbeit eine Affäre gehabt zu haben. Und wenn Amors Pfeil tatsächlich trifft und ein Paar auf der Arbeit zusammenfindet, wird dies in der Regel zunächst geheim gehalten. Wie erklärt man es den Kollegen, denn eigentlich ist es ja nichts Schlimmes, sondern etwas ganz Wunderbares.

Es wäre illusorisch anzunehmen, dass man Liebe am Arbeitsplatz einfach per Verordnung verbieten kann. Gleichwohl ist es rechtens und empfehlenswert, gewisse Verhaltenskodizes zu formulieren. Vor allem in Amerika geht man mit dem Thema derart verkrampft um, dass es dort Anti-Belästigungsschulungen der ganz besonderen Art gibt. Sie sollen als Nebeneffekt verhindern, dass sich die Kollegen untereinander näherkommen – selbst, wenn dies von beiden Seiten gewünscht ist. So gibt es Seminare, in den empfohlen wird, einen Kollegen nicht länger als fünf Sekunden direkt anzugucken. Jeglicher Blickkontakt darüber hinaus könnte entweder als Belästigung oder Ausdruck der Gefühle gewertet werden. Klingt alles andere als romantisch und das soll es auch.

Natürlich gibt es keine Stoppuhr in der Firma, mit der gemessen wird, wie lange man den Augenkontakt zum Kollegen hält. Ebenso wenig gibt es eine Vorschrift, ab wann ein Pärchen seine Beziehung bekannt geben sollte. Aber nach einem Monat – wenn Beziehungen häufig ernster werden – sollte man das Gespräch zunächst mit einem Supervisor, Vertrauensmann oder direkt mit dem Geschäftsführer suchen. Dort könnte dann unter sechs Augen beschlossen werden, wo das Private aufhören muss und das Professionelle beginnen sollte. Erst nach einem festen Plan und in Absprache mit Paar und Management geben die beiden Glücklichen bei einer Teamsitzung oder einem Firmenausflug die frohe Botschaft bekannt. Dies erstickt jeden Klatsch und Tratsch im Keim und ist für alle Beteiligten deutlich angenehmer. Kein Versteckspiel mehr, dafür offener Umgang und klare Absprachen. Oft ziehen amouröse Abenteuer im Verborgenen nämlich viele böse Gerüchte nach sich und können zu Eifersucht führen. Ein Beispiel wäre Neid über das persönliche Glück der Anderen oder die Angst in der eigenen Karriere behindert zu werden, weil die Kollegin eine Beziehung zum Abteilungsleiter pflegt – alles schon vorgekommen.

Interessant ist das Thema aus Perspektive des Arbeitgebers

Auf der Unternehmensseite ist es der größte Fehler, wenn die Geschäftsführung stiefmütterlich mit diesem Thema umgeht, da dies Heimlichkeiten verstärkt – und die Gerüchteküche dann schnell brodelt. Problematische Beziehungen im Team können mit einem speziellen Coaching aufgefangen und reflektiert werden. Was die wenigsten hingegen fragen: Wie geht es in der Firma weiter, wenn die Beziehung in die Brüche geht? Dies stellt in der Tat Unternehmen vor Herausforderungen, denn es gab schon Fälle, in denen sich das frisch getrennte Paar lauthals auf dem Flur angeschrien haben soll. Noch wahrscheinlicher sei es aber, dass der jeweils andere in seiner Abteilung über die alte Flamme ordentlich Dampf ablässt, sprich: es wird gelästert, dass dem Rest der Belegschaft Hören und Sehen vergeht. In solch einem Fall müssen Vorgesetzte schnell einschreiten, wenn sie verhindern wollen, dass die Lästerattacken sich nicht zu einem regelrechten Mobbing ausweiten. Auch hier ist ein offenes Wort das beste Mittel, obgleich es natürlich schwierig ist, als Vorgesetzter am Flurfunk teilzunehmen. Mitarbeiter sind freilich geschickt darin, wenn es darum geht, die Vorgesetzten um gewisse Themen zu lotsen. Richtige Kommunikation ist hier das A&O.

Gerade große Konzerne in den USA verfügen daher über einen Richtlinienkatalog, der solche Fälle klärt. Intel verfügt beispielsweise über eine sogenannte Non-Fraternization Policy, die dem ehemaligen CEO Brian Krzanich am Ende das Genick brach. Es stellte sich nämlich heraus, dass er in seiner Zeit vor der Wahl zum CEO eine Beziehung zu einer Mitarbeiterin geführt hatte. Ende Juni musste er deshalb seinen Posten räumen, weil die Geschäftsordnung eine Beziehung über solche Hierarchieebenen hinweg nicht duldet – selbst wenn die Beziehung zu diesem Zeitpunkt wieder beendet war. Was sich unerbittlich und knallhart anhört, hat aber häufig einen Grund, der den Mitarbeitern helfen soll. Sie sollen in kein Abhängigkeitsverhältnis zu einem Partner gelangen, der in der Firmenhierarchie über ihnen steht. Gleichzeitig sollen Bevorzugungen oder schon vermeintliche Bevorzugungen verhindert werden, damit es zu keiner Meuterei im Unternehmen kommt. Umgekehrt darf keine Angst vor der Liebe im Unternehmen verbreitet werden. Denn wie schon oben erläutert, lassen sich Gefühle bei Menschen nicht ausschalten. Und wenn es nun mal im Büro funkt, dann kann man diese Gefühle nicht einfach wegwischen, sondern alle im Team müssen damit umgehen. Daran wird auch keine Richtlinie etwas ändern. Auch hier zählt das offene Gespräch, wie auch eine kollegiale Atmosphäre. Denn was wäre die Alternative? Soll das Denunziantentum in der Firma gefördert werden?

Es müssen Regeln gegen Belästigung und Machtmissbrauch aufgestellt werden, aber keine gegen die Liebe. Eine Beziehung ist nicht zu verurteilen, ein daraus resultierendes Fehlverhalten allerdings schon. Und dies gilt es einem schrecklichen Ex-Partner erstmal nachzuweisen. Im Extremfall und wenn alle anderen Rezepte versagt haben, kann und muss der Chef dann doch das Berufsverhältnis aufkündigen. Aber damit es soweit gar nicht erst kommt, sollte immer ein guter Kontakt zu den Mitarbeitern bestehen.

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